Die Ich-Form und Personalpronomen in wissenschaftlichen Arbeiten

Die Verwendung der Ich-Form oder anderer Personalpronomen in wissenschaftlichen Arbeiten ist umstritten. Grundlegend gibt es kein Verbot der Ich-Form, jedoch wird häufig dazu geraten, die Ich-Form zu vermeiden.

Auch Formulierungen mit ‚wir‘ oder ‚man‘ sind nicht unproblematisch. Zudem sollten Lesende nicht direkt mit ‚Sie‘ angesprochen werden.

Übersicht der Regeln zu Personalpronomen
Kategorie Korrekt Falsch
Ich-Form Es kann festgehalten werden, dass die Annahme nicht zutrifft. Ich halte fest, dass die Annahme nicht zutrifft.
Wir-Form Der sorglose Umgang mit den Ressourcen sollte überdacht werden. Unser sorgloser Umgang mit den Ressourcen sollte überdacht werden.
‚man‘ Es zeigt sich, dass dieses Experiment nicht zielführend war. Man kann sehen, dass dieses Experiment nicht zielführend war.
‚Sie‘ Die Auflistung der verwendeten Objekte ist im Anhang zu finden. Die Auflistung der verwendeten Objekte finden Sie im Anhang.

Verwendung und Vermeidung der Ich-Form

Es wird der Frage nachgegangen, ob sich die Frau der Gruppe freiwillig anschloss.
Ich gehe der Frage nach, ob sich die Frau der Gruppe freiwillig anschloss.

Ob die Ich-Form in wissenschaftlichen Arbeiten verwendet werden darf, ist umstritten.

Während viele Lehrende nicht möchten, dass in der Ich-Form geschrieben wird, halten einige Dozierende die Verwendung in bestimmten Fällen für angebracht.

Die Ich-Form bei subjektiven Wertungen

Die Ich-Form wird meistens dazu verwendet, persönliche Meinungen oder Erfahrungen zu äußern.

Zu den wichtigsten Eigenschaften eines wissenschaftlichen Textes gehören jedoch Objektivität und eine neutrale Haltung. Der Forschungsgegenstand soll im Vordergrund stehen, nicht die forschende Person.

Verwendest du die Ich-Form in einer wissenschaftlichen Arbeit, kann daher der Eindruck aufkommen, dass du nicht die nötige Distanz zu dem von dir untersuchten Thema aufbringen kannst.

Fragwürdig ist, ob das Vorgehen der Polizei aus moralischer Sicht gerechtfertigt ist.
Ich kann das Vorgehen der Polizei aus moralischer Sicht nicht nachvollziehen.

Im obigen Beispiel wird mithilfe der Ich-Form subjektiv gewertet, was du in einem wissenschaftlichen Text stets vermeiden solltest.

Mögliche wissenschaftliche Nutzung der Ich-Form

Trotz der allgemeinen Empfehlung, die Ich-Form nicht zu wählen, gibt es Situationen, in denen die Verwendung der Ich-Form von einigen Lehrenden akzeptiert wird.

Die Ich-Form kann wissenschaftlich genutzt werden

  • bei der Beschreibung deiner Textstruktur und Schreibhandlung,
  • bei der Auseinandersetzung mit Schlussfolgerungen, Einordnungen oder Erkenntnissen und
  • in einem Vorwort oder einer Danksagung.

Bei einer Beschreibung kannst du, beispielsweise mithilfe einer Passivkonstruktion, auf die Ich-Form verzichten.

Im folgenden Kapitel gehe ich auf die Grundlagen dieser Theorie ein, um daraufhin die Zusammenhänge zu verdeutlichen.
Im folgenden Kapitel wird auf die Grundlagen dieser Theorie eingegangen, um daraufhin die Zusammenhänge zu verdeutlichen.

Ebenso halten manche Dozierende die Ich-Form bei der Einordnung von Forschungsergebnissen oder der Reflexion von Erkenntnissen für möglich.

Aufgrund der eingehenden Untersuchung schätze ich Hypothese 1 als tragfähig ein.
Aufgrund der eingehenden Untersuchung scheint Hypothese 1 tragfähig zu sein.

Eine Umformulierung zur Vermeidung der Ich-Form ist ohne Weiteres möglich.

Ein Vorwort oder eine Danksagung wird aus einer persönlichen Perspektive geschrieben. Die Verwendung der Ich-Form ist also angebracht und erwünscht. Dennoch sollte darauf geachtet werden, nicht in einen umgangssprachlichen Ton zu verfallen.

Besonders bei meiner Betreuerin Martina Müller möchte ich mich für die Unterstützung während des Schreibprozesses bedanken.
Von ganzem Herzen möchte ich mich bei der lieben Martina Müller bedanken, ohne die diese Arbeit niemals zustande gekommen wäre.
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Die Verwendung der Ich-Form ist nicht grundsätzlich verboten, wird aber von vielen Dozierenden als unwissenschaftlich angesehen.

Aus diesem Grund solltest du stets Rücksprache mit deiner Betreuungsperson halten und dich erkundigen, ob und in welchen Fällen Formulierungen mit ‚ich‘ möglich sind.

Formulierungen zur Vermeidung der Ich-Form

Wie du den obenstehenden Beispielen entnehmen kannst, können Ich-Formulierungen auf verschiedene Weise umgangen werden.

Die Ich-Form kannst du z. B. vermeiden durch

  • Passivkonstruktionen
  • Nominalisierungen
  • Formulierungen mit ‚lassen‘ und ‚sich‘
  • Formulierungen mit ‚sein‘ und ‚zu‘
  • die Bezeichnung der schreibenden Person als ‚Verfasser/in‘ oder Ähnliches
Beispiele zur Vermeidung der Ich-Form
Korrekt Falsch
Passivkonstruktion Die Studie wurde abgebrochen. Ich habe die Studie abgebrochen.
Nominalisierung Im weiteren Verlauf findet dieser Aspekt keine Berücksichtigung. Im weiteren Verlauf berücksichtige ich dieses Element nicht.
Formulierung mit ‚lassen‘ und ‚sich‘ Hierzu lässt sich keine Aussage treffen. Hierzu kann ich keine Aussage treffen.
Formulierung mit ‚sein‘ und ‚zu‘ Im Aufsatz von Meier (2008) ist diese Bestätigung zu finden. Ich habe im Aufsatz von Meier (2008) diese Bestätigung gefunden.
Verfasser/in Der Pretest wurde mit fünf dem Verfasser bekannten Personen durchgeführt. Der Pretest wurde mit fünf mir bekannten Personen durchgeführt.

Auf die Wir-Form verzichten

In Abbildung 2 ist die exponentielle Zunahme der Bakterienentwicklung zu sehen.
In Abbildung 2 sehen wir die exponentielle Zunahme der Bakterienentwicklung.

Ebenso wie die Ich-Form sollte ein persönlicher Bezug durch ‚wir‘ oder ‚unser‘ vermieden werden. Das Verwenden der Wir-Form kann dazu führen, dass ein Satz subjektiv oder verallgemeinernd klingt.

Der Versuch bestätigt, dass Frauen die Situation anders wahrnehmen als Männer.
Der Versuch bestätigt, dass wir Frauen eine andere Wahrnehmung der Situation haben.

Um die Wir-Form zu umgehen, kannst du auch auf die oben aufgeführten Formulierungsvorschläge zur Vermeidung der Ich-Form zurückgreifen.

Weitere Beispiele zur Vermeidung der Wir-Form
Korrekt Falsch
Die globale Erwärmung wird vorrangig durch den Menschen verursacht. Die globale Erwärmung wird vorrangig durch uns Menschen verursacht.
Es ist nicht abzustreiten, dass hier eine direkte Verbindung besteht. Wir können nicht abstreiten, dass hier eine direkte Verbindung besteht.
Einige Väter freuen sich über einen regelmäßigen Austausch. Wir Väter freuen uns über einen regelmäßigen Austausch.
Die Versuchsanordnung führte zu einem Durchbruch bei diesem Forschungsvorhaben. Mit dieser Versuchsanordnung ist uns ein Durchbruch gelungen.

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Formulierungen mit ‚man‘ sparsam verwenden

Es ist zu erkennen, dass es sich bei dieser Messung um einen Ausreißer handelt.
Man kann erkennen, dass es sich bei dieser Messung um einen Ausreißer handelt.

Auch Sätze mit ‚man‘ können verallgemeinernd wirken. Zudem ist eine Aussage, in der ‚man‘ verwendet wird, selten präzise.

Meier et al. nehmen an, dass sich dieser Effekt verstärkt zeigen wird.
Man nimmt in der Forschung an, dass sich dieser Effekt verstärkt zeigen wird.

Daher solltest du entsprechende Formulierungen nur selten nutzen, wenn eine Umformulierung zu einem umständlichen oder verschachtelten Satz führen würde.

Weitere Beispiele zur Vermeidung von ‚man‘
Korrekt Falsch
In Abbildung 1 ist die steigende Wachstumsrate zu sehen. In Abbildung 1 kann man die steigende Wachstumsrate sehen.
Gemäß den Ansichten von Müller et al. ergibt sich eine andere Deutung. Wenn man den Ansichten von Müller et al. folgt, ergibt sich eine andere Deutung.
Es wird davon ausgegangen, dass dieses Projekt nicht realisierbar ist. Man geht davon aus, dass man dieses Projekt nicht realisieren kann.
Es wurde beschlossen, den Gesetzesentwurf nicht zu verabschieden. Man kam zu dem Schluss, den Gesetzesentwurf nicht zu verabschieden.

Die Lesenden nicht direkt ansprechen

Der Umfragebogen kann unter dem angegebenen Link vollständig eingesehen werden.
Den Umfragebogen können Sie unter dem angegebenen Link vollständig einsehen.

Wenn du zum Beispiel auf einen anderen Abschnitt in deinem Text verweisen möchtest, solltest du die lesende Person hierbei nicht direkt ansprechen. Dies gilt als stilistisch veraltet.

Die bessere Alternative besteht in einer Formulierung ohne Personalpronomen.

Eine ausführliche Darstellung dieses Aspekts ist in Kapitel 3.2 zu finden.
Eine ausführliche Darstellung dieses Aspekts finden Sie in Kapitel 3.2.

Häufig gestellte Fragen

Darf die Ich-Form in wissenschaftlichen Arbeiten genutzt werden?

Es gibt kein Verbot, die Ich-Form in wissenschaftlichen Texten zu verwenden. Da sie jedoch oft als subjektiv gilt, wird empfohlen, die Ich-Form zu vermeiden.

Wie kann die Ich-Form vermieden werden?

Um die Ich-Form zu vermeiden, kannst du auf Nominalisierungen, passive Sätze oder Konstruktionen mit ‚lassen‘ und ‚sich‘ zurückgreifen, z. B. ‚Hierzu lässt sich keine Aussage treffen.‘ anstatt ‚Hierzu kann ich keine Aussage treffen.‘

Dürfen die Personalpronomen ‚wir‘ und ‚man‘ in wissenschaftlichen Arbeiten verwendet werden?

Die Personalpronomen ‚wir‘ und ‚man‘ sollten nach Möglichkeit vermieden werden. Meistens können Sätze leicht umformuliert werden, z. B. ‚Das menschliche Verhalten trägt zur Erderwärmung bei.‘ anstatt ‚Unser Verhalten trägt zur Erderwärmung bei.‘.

Dürfen die Lesenden im Text angesprochen werden?

Lesende solltest du nicht direkt ansprechen, sondern stattdessen eine Passivkonstruktion verwenden, z. B. ‚Der Umfragebogen kann im Anhang eingesehen werden.‘ anstatt ‚Den Umfragebogen können Sie im Anhang einsehen.‘.

Sieh dir mehr Beispiele zur richtigen Verwendung von Personalpronomen an.

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Anna Neffe

Hi, ich bin Anna und habe bereits meinen Master in Germanistik und Islamwissenschaft abgeschlossen. Da ich in dieser Zeit viele wissenschaftliche Arbeiten geschrieben habe, freue ich mich, meine Erfahrungen zu teilen. Habe ich noch nicht alle Fragen beantwortet? Dann schreibe mir gerne einen Kommentar.

2 Kommentare

AmSie
19. Dezember 2018 um 23:54

Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich noch State of the art ist.

Klare ich-formen und aktivisches schreiben erleichtert die Feststellung wer was in der Arbeit geleistet hat. Im Englischen wird dies so gehalten und langsam kommt das auch hier an...

Antworten

Franziska Pfeiffer
Franziska Pfeiffer (Scribbr-Team)
20. Dezember 2018 um 14:32

Hallo Amanda,

vielen Dank für deine Nachricht. Du hast recht, dass die Ich-Form mittlerweile durchaus mehr Akzeptanz erfährt als früher.
Allerdings hängt das immer noch sehr stark von den Vorgaben der jeweiligen Uni oder Hochschule ab.
Deswegen ist es am besten, das mit den Dozierenden vorher abzusprechen :)

Antworten

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